Wine-Times - das unabhängige Online-Weinmagazin
Helmut KNALL10.03.2021

Die Crux der Punkte.

Vorsicht, das wird lang, denn da muss ich ein paar Jahrzehnte zurückgehen.

Da ich so oft gefragt werde, wie denn das so abläuft bei Verkostungen, wie denn Weine zu ihren Punkten und Beschreibungen kommen – und weil ich verstehe, dass „normale“ Leute sich das alles gar nicht vorstellen können, wage ich einen Versuch, das zu durchleuchten.

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Es gibt verschiedene Verkostungen. Internationale Bewerbe mit grosser Jury, oft mehrere hundert Verkoster. Jahrgangspräsentationen verschiedener Regionen oder Consorzien. Tastings mit begleitendem Menü. Verkostungen für Wein-Guides und Bücher. Und der  One-Man-Test eines einzelnen Wein-Journalisten oder Kritikers im stillen Kämmerlein. Aber fangen wir zuerst chronologisch an. Mit ein bisserl Geschichte.

Leider hat niemand die grandiosen Online-Artikel von Mario Scheuermann gerettet, die nach seinem viel zu frühen Tod, einfach abgeschaltet wurden. Lest alles, was ihr in allen Print-Medien noch findet. Denn, auch wenn ich oft nicht seiner Meinung war, zolle ich ihm immer noch Respekt, weil niemand jemals die historische Entwicklung der Weinbranche besser beschrieben hatte, als er. Was er, als Online-Freak leider völlig übersehen hat, ist die Tatsache, dass Online-Medien, wenn niemand mehr zahlt, einfach verschwinden. Printmedien, seien sie auch noch so homöapathisch, werden irgendwo archiviert. Deshalb müsst ihr mit meiner lückenhaften Erinnerung leben. Falls sich noch jemand besser erinnert, bitte gerne ergänzen.

Eigentlich begann das alles mit den alten Briten.
Und mit Bordeaux.

Nehmt „Briten“ als Synonym, es gab natürlich auch Typen anderer Nationalitäten, aber die Einkäufer der Insel waren die potentesten. Das hat den historischen Hintergrund, dass die Briten vor hunderten Jahren das Herzogtum Aquitanien eroberten und es rund 300 Jahre lang beherrschten (Das haben die Franzosen bis heute nicht vergessen).

Und auch wenn es ein bisschen seltsam anmuten mag, denn seit 1453 gehört es zu Frankreich, blieben tatsächlich seit damals britische Familien in der Region Bordeaux und bauten den Weinhandel auf. Und dominieren ihn bis heute.. Auch heute wird Claret (Oder Clairet) gehandelt, was auf eine historische Abgrenzung zu den schweren spanischen Rotweinen beruht.

Seit damals kamen die Importeure und Wein-Grosshändler, auch heute noch Negociants genannt, im Frühjahr nach Bordeaux, fuhren die Chateaux ab, verkosteten den frischen Wein aus den Fässern, zückten eine Kreide und unterschrieben auf dem Fass. Das war quasi der Kaufvertrag. Denn bis in die 1970er wurden diese Weine gar nicht in Bordeaux gefüllt, sondern die Barrique-Fässer gekauft und verschifft. (Das ist übrigens ein Grund für die Fassgrösse).

Meist wurden die Weine am Ankunftsort auch direkt aus dem Fass verkauft und nie in Flaschen gefüllt. Oder sie wurden im jeweiligen Land – meist UK, Holland oder Belgien von den Negociants abgefüllt. Diese Füllungen erzielen heute bei Auktionen und unter Liebhabern die besten Preise, da sie meist besser waren, als die am Château verbliebenen. Logisch, denn die Herren (es waren damals nur Männer in diesem Job) kauften ja die besten Fässer. Die weniger guten blieben am Weingut, das auch noch viel wärmere Keller hatte.

Michael Broadbent
Mein Verkostungsnachbar in Bordeaux: Michael Broadbent

Irgendwann in den späten 1970ern fuhren auch heutige Wein-Legenden, wie Hugh Johnson oder Michael Broadbent mit solchen Importeuren mit. Der eine, um daraus die ersten Wein-Notizen zu formulieren, der andere, um Know-How für Wein-Auktionen zu sammeln. Erst mehr zum Spass, denn man wurde damals grosszügig bewirtet, später wurde daraus Business.

Erst Jahre später erkannten die Besitzer der Chateaux, den Multiplikations-Effekt der schreibenden Zunft. Man gründete die Union der Grand Crus und begann das kleine Häuflein weinkundiger Journalisten zusammen mit den Negociants und Importeuren einzuladen.

So entstanden die ersten Weinkritiken. Orientiert am Vorbild Hugh Johnson beschrieben wir die jungen Weine, die man aus den Fässern verkostete "en primeru" - nur als Verkostungs-Notizen, aber noch ohne jegliche Bewertung. Keine Punkte, keine Sternderln, keine Bicchieri. Reine Information.

Dann kam Robert Parker jr.

Ein Rechtsanwalt aus Amerika, der kräftige Bordeaux-Weine liebte und kaufte. Auch er begann zuerst mit „Tasting Notes“. Ganz ausgezeichnete Beschreibungen der Weine. Er gründete den Wine-Advocate, ein Sammelsurium der von ihm verkosteten Weine, auf kopierten Blättern für Freunde und nach und nach Weinliebhaber in den Vereinigten Staaten. Und weil er rasch feststellte, dass die alle nur mit Verkostungsnotizen wenig anfingen, schrieb er am Ende jeder Notiz eine Punktzahl, so wie im damaligen amerikanischen Schul-System. Das fragwürdige 100 Punkte-System war erfunden.

Aber auch Robert „Bobby“ Parker waren seine Tasting Notes viel wichtiger, als seine Punkte. Auch wenn das heute kaum jemand glauben mag, er sah voraus, was passieren würde und versuchte das zu verhindern. Denn die Weinhändler Amerikas bewarben ihre importierten Weine mit seinen Punkten. Ohne Verkostungsnotiz.

Parker klagte. Bewertungen sollten nur mit Tasting-Note veröffentlicht werden. Punkte allein seien zu wenig.
Doch der Wine-Advocate verlorseinen wichtigsten Prozess. Das war der Start für alle Punkte-Bewertungen weltweit.

Warum der Knall quasi als Lehrling von Broadbent & Co in dieses System geriet, warum das Parker-System heute oft belächelt wird aber trotzdem immer noch das Leitsystem der Branche ist, und warum Falstaff & Co heute im Schnitt zehn Punkte höher werten, als vor einigen Jahren, erfahren sie im Zweiten Teil. Demnächst in diesem Theater.

 

 

 

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