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Dann kam Kurt.

Oder eine dreiviertel Stunde nördlich der VinExpo.

Da sass ich also ganz gemütlich und wollte von meinem Tag berichten, als Kurt den schwarzen Seat in die Einfahrt reversierte. Und alles war mit einem Schlag anders.

Dann kam Kurt.
Ruhe vor dem Kurt.
Hintergrund
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Kurt kommt nicht, er tritt nicht auf, er ist einfach da. Voll und ganz. Da ist kein Platz mehr für irgendetwas anderes. Jetzt muss der Tag aufgearbeitet werden, über die ganze verrückte Branche geredet werden, noch ein Glas eingeschenkt werden – es wurden drei Flaschen – und 3000 Zigaretten in den Sternenhimmel versandt werden. Dort oben gibt’s ganz sicher nichts zu rauchen. Frohlocken ohne Tschik, grausliche Vorstellung. Und morgen früh müssen wir wieder auf diese Sch….messe.

Aber: Eigentlich wollte ich erzählen von meinem Tag, meinen Eindrücken in dem französischen Badeort im Medoc während der Vorsaison.

Also, ich beschloss heute früh, die verkosteten Weine und meine Erlebnisse der ersten Tage gleich in Worte zu fassen und die Termine der nächsten Tage zu koordinieren. Daher liess ich Kurt fahren, schlief mich aus und begann zu arbeiten. Den Laptop am Veranda-Tisch, blauer Himmel über mir, See links, Atlantik rechts. Irgendwann meldete sich logischerweise mein Magen und ich spazierte die paar hundert Meter ins Dorfzentrum.

Warum fliegt hier eigentlich keine Low-Cost-Airline her?

Warum fliegt hier eigentlich keine Low-Cost-Airline her?
Am Atlantik.


Souvenir-Geschäfte, Luftmatratzen in verschiedenen Ausführungen und Farben, eine Eisenwarenhandlung, die Artikel des täglichen Camping-Bedarfs offeriert, zwei Weinhandlungen, drei Radverleihe, etliche Restaurants, Bars, die unvermeidliche Pizzeria (allerdings hing da auch ein Schild: zu verkaufen, ob die Wohnung im ersten Stock oder das Lokal, konnte ich nicht ausfindig machen), mehrere Eissalons, ein Fischgeschäft, ein Karussell, ein Gemüsegeschäft, ein einziges Mini-Supermarkterl (hier wird offensichtlich nicht viel selbst gekocht, obwohl alle Chalets mindestens eine Küche haben), ein Surfbrett-Verleih und einige undefinierbare Geschäfte hatten eines gemein, dicke Rollbalken bis zum Boden.

Ein Geisterort, dachte ich im ersten Augenblick. Doch halt, es war ja schon Mittagszeit und zwei Lokal hatten ja auch offen. Eine Art französischer Fast-Food-Würstelstand - mit Mc.Donalds- und Brioche-Doree-Cuvee-Angebot zu horrenden Preisen und ein süsser kleiner Asiate, dessen einer Elternteil nicht ganz so asiatisch geboren sein musste, mit einem lustigen Angebot an verschieden gefüllten Frühlingsröllchen, Tascherln und allerlei lustig geformten gefüllten Dingen, die unbedingt gekostet werden wollten. Die Paella war Gott sei Dank schon aus (oder wegen Gästemangel heute gar nicht erst fabriziert).

Ein halbes Stündlein später erstand ich im einzigen geöffneten Laden um schlappe 2,50 Euro die Frankfurter Allgemeine vom Samstag und die letzten beiden Packerl Gauloises (allerdings mit je 30 Stück!) sowie 2 Ansichtskarten samt Briefmarken.

Beim zurückspazieren entdeckte ich im Radverleih Nr.2 einen vom Atlantikklima ziemlich gezeichneten älteren Herren. Nach kurzem Handel war er drei Euro neunzig reicher, hatte meinen Pass und ich stattdessen ein achtzehn Gang Giant-Radl.

Die Karte weist 30 Radwege aus, von welchen ich aber nur einen entdecken konnte, welcher in falscher Himmelsrichtung startete, weswegen ich doch lieber die Strasse wählte. Diese führte mich auch zur einzigen Tankstelle der Gegend, die offenbar doch eher vom Verkauf von Produkten des täglichen Bedarfes der benachbarten Campingplatz-Bewohner lebt, als von den wenigen Autos, die hier ab und zu vorbeifahren. Was allerdings für mich die Verlockung darstellte, knapp 25 Euro in Melone, Zitrone, Baguette, Salami, Käse, Wein und Knoblauch zu investieren.

Also die wertvollen Güter „heimgeradelt“, teilweise verkostet und eingekühlt.

Es folgen ein paar Stunden des Tippens; Fluchens über nicht funktionierenden GPRS-Internetzugang, Telefonate mit der reizenden Dame des one-Service-Teams, Neu-Konfiguration des Computers und wieder Frust, wegen nicht funktionierendem Eingabe-System der WineTimes. Alles dauert viermal so lang, als zu Hause, was sich in einer Handy-Rechnung von mehr als 800 Euro niederschlagen wird.

Abends einfach ein Traum.

Abends einfach ein Traum.
Hier und jetzt schmeckt fast jeder Wein...


Am späten Abend bricht die Sonne durch die Wolkendecke, die der Sturm des Vorabends hinterlassen hatte und verleitet zum Ausflug an den Atlantik. Mehr als fünf Kilometer vorbei an Ferienhäusern, fest verschlossen mit hölzernen Läden vor den Fenstern und Türen. Bergauf und –ab durch von Stürmen zerzauste Föhrenwälder. Hinter unglaublich stinkenden Müll-Lastern, vorbei an eigenartig in die Hügel verstreute Ferien-Siedlungen.

Carcans-Plague. Wieder ein paar Häuser, Restaurants und Shops, nur wenig belebter als „bei uns“. Eine Riesendüne, die ich noch im allerersten Gang von achtzehn erklimme. Und endlich: Der Atlantik. Vom Gipfel der Düne blicke ich zum Horizont und gegen die allmählich untergehende Sonne. Sie geht hier später unter und steht auch später auf, als bei uns.

Langsam, die Seeluft tief inhalierend, die Flasche Grüner Veltliner „Eichenstaude“ vom Kurt im Rucksack, steige ich den Holzsteg hinunter. Schuhe aus, Sand zwischen die Zehen. Kilometerlanger Sandstrand. Mörderische Dünung. Ein Surfer, zehn Zuschauer. Sonst nichts. Himmel, Sonne, Sand, Wein und Meer. Ich tauche meine Füsse ein und denke an Liebste. Nehme das Handy aus dem schicken Vinexpo-Pressegeschenk-Rucksack und spiele ihr den Sound der Brandung auf die Mailbox. Ich will Sie teilhaben lassen, vermisse es ihre Hand in der meinen zu spüren und schweigend ins Meer zu schauen. Fülle das Riedel-Glas mit dem Wein und geniesse ein Wein-Natur-Erlebnis der besonderen Art. Ich weiss, dass der Wein sehr gut ist, aber ich frage mich, ob mir in dieser Situation nicht jeder Wein geschmeckt hätte.

Was würde die Liebste jetzt machen? Den Strand in gebeugter Haltung abwandern und Muscheln sammeln. Das halte ich für eine ausgezeichnete Idee und wandere eine Stunde lang dahin. Vorbei an drei riesigen durchsichtigen Dingern, die ans Ufer gespült wurden. Gut ein halber Meter Durchmesser, rund und kuppelartig mit krakenartigen Tentakeln. Aber alles glitschig transparent. Wahrscheinlich eine Art Riesenquallen. Ich möchte sie untersuchen, umdrehen, aber irgendwie hält mich alles in mir ab, die Dinger anzugreifen. Mir fällt ein, dass sie im Halbschlaf sagte: „Bring mir was mit“. Keine Angst, diese Dinger bring ich nicht mit.

Die Sonne neigt sich dem Horizont zu. Zwei Damen, die eine mit einem schwarz- weissen Pudelpaar, die andere mit Baby, verlassen den inzwischen völlig leeren Strand.

Ich atme noch einmal tief ein, speichere das Donnern der einsetzenden Flut in meinen Ohren und erklimme langsam die Düne. Innehaltend, ein letzter Schluck aus der Flasche, ein langer letzter Blick auf diese Naturgewalt. Der Ozean nimmt mich wieder einmal gefangen. Stundenlang, tagelang könnte ich hier stehen und ihm zuschauen, wie er immer und immer wieder andere Formationen kreiert und an den Strand wirft. Einmal dunkel-grün-blau und sanft, dann wieder weiss schäumend und brechend. Ein ewiges Schauspiel.

Im Lokal Nummer drei setze ich mich hin, nehme mein Buch und eine Kleinigkeit zu essen zum Bier, dem Wein traue ich hier nicht. Dann Cafe und Rückweg. Tapfer strample ich die Berge hinan, sause sie wieder hinab überhole glatt die Möve über mir und weiche doch der Eidechse noch rechtzeitig aus. Im Geisterdorf sind ein paar Lokal geöffnet worden, die einzige Disco neont pink gegen den See und wird ohne mich um elf aufsperren.

Ich parke das Fahrrad hinterm Haus, weil das absperren zu mühsam ist, trage den Tisch vors Haus und gestalte ein – für die vorbeigehenden Menschen – offensichtlich witziges Szenario.

Ein im Sand versinkender Tisch. Ein noch viel mehr eingesunkener Mensch. Vor ihm eine Flasche Rotwein, Zigaretten und Aschenbecher, ein Schneidbrett mit Salami, Käse, Tomaten und Baguette. Dazwischen ein Laptop und ein Handy. Sie verbinden mich mit der Welt. Und die Erfahrung, dass es Momente gibt, in denen es völlig egal ist, welche Wertungen der Wein vor mir irgendwo, von irgendwem bekommen würde, dieser einfache Bordeaux schmeckt. Genau jetzt, genau hier.

Doch dann kommt Kurt…

(Geschrieben im Juni 2005 in Carcans-Maubouisson)
© by Helmut Knall
last modified: 2008-08-17 18:57:09

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