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Amarone? Ripasso? Oder was eigentlich?

Ich habe mir die letzten Tage viele Gedanken zum Thema Amarone gemacht.

Die Spaltung der Region zwischen Arroganz und Überheblichkeit einerseits und die Gastfreundschaft und Offenheit der vielen netten Produzenten andererseits ist echt verblüffend. Was mich aber wirklich nachdenklich macht, ist die Unwissenheit der Youngsters...

Amarone? Ripasso? Oder was eigentlich?
Viele Weingärten traditioneller Winzer sind Pergolas. Alte Stöcke, wenig Ertrag. Viel Geschmack.
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Die Unkenntnis der Tradition verblüfft mich ganz ehrlich. Da bin ich echt stolz auf unsere jungen österreichischen Winzer, die alles durchkosten, diskutieren und - dann - aber eben erst dann - sagen, ich mach es anders. Nicht, weil irgendwer sagt, dass das in Amerika oder China gut verkaufbar sei, sondern, weil sie Wein machen wollen, wie er im Hirn oder im Bauch entsteht, und genau das fehlt mir hier in den Valpolicella-Tälern total.

Anteprima Amarone 2011.

Ziemlich viele Leser haben mich in privaten Nachrichten und Emails gefragt, was denn nun die besten Amarone des Jahrgangs 2011 seien, weil sie mitgekriegt hatten, dass ich wieder hier in Verona bei der sogenannten Anteprima, der Präsentation des aktuellen Jahrgangs als Juror am Werk war. Und ich habe ein ernsthaftes Problem.

Das ist auch der Grund, warum ich so lange keinen abschliessenden Bericht zum Jahrgang 2011 verfasst habe. Eigentlich sind es zehn Gründe.

Ein langer Text, der mir wahnsinnig wichtig ist, weil ich das Zeug so mag.

Zehn Punkte. Zehn mal Erklärungsbedarf.

Zehn Punkte. Zehn mal Erklärungsbedarf.
Die so wichtige Leistungsschau verkommt wegen Streitereien zum Neben-Schauplatz.


Erstens. Der Jahrgang 2011 war nicht ganz easy, auch wenn das vom Consorzio mit der Höchstwertung von 5 Sternen gerne überspielt sein würde. Nein, 2011 ist ein guter, aber kein herausragender Jahrgang.

Zweitens. Durch den schwelenden Konflikt in der Region, gab es heuer nur 66 Weingüter bzw. Weine, die in der Anteprima gezeigt wurden.

Zum Verständnis: das sind die Weingüter, die an dieser wichtigsten Präsentation, der jetzt auf den Markt kommenden Weine - offiziell vertreten waren. Diejenigen, die durch ihre Beiträge diese Leistungsschau der Region auch finanzieren.

Aber: alle „klingenden Namen“, wie die der Amarone-Familien oder anderer namhafter Amarone-Produzenten, waren da nicht vertreten, haben nicht mit gezahlt – und wurden daher von den ca. 200 Berichterstattern auch nicht verkostet.

Also von Allegrini über Dal Forno, von Masi bis Zyme fehlten die Weine.
(Dass ich sie trotzdem verkostet habe, ist eine andere Geschichte).

Nun, das löst die Frage aus, warum denn eine der weltweit erfolgreichsten Marken – einer der „Icon-Wines“ Italiens - nicht geschlossen auftritt. Denn immerhin werden da ein paar hundert Journalisten und Importeure aus der ganzen Welt eingeflogen, um die Weine zu bewerten. Wenn man also so viel Geld in die Hand nimmt, sollten doch irgendwie alle an einem Strang ziehen.

Aber genau so ist es nicht. Warum? Keine Ahnung.

"Die wollen sich nicht mit uns messen!"

Weine, die Legenden wurden. Kult. Man bezahlte jeden Preis dafür. Die Jungen kennen ihn gar nicht.


Nun, ich bin Journalist mit Schwerpunkt Wein, seit fast 30 Jahren. Also dürfen Sie, geschätzter Leser, davon ausgehen, dass ich meinen Job schon halbwegs beherrsche. Wenn ich also schreibe, dass ich keine Ahnung habe, warum das so ist, dann nicht deswegen, weil ich ein Trottel bin, sondern, weil ich recherchiert habe – und keine vernünftigen Antworten bekommen habe.

Die Auskünfte derer, die im Consorzio sind, also mitzahlen, lauten meist simpel, ungefähr: „die bekannten Weingüter wollen sich nicht mit uns messen“.

Die namhaften Weingüter definieren es anders, nämlich, dass die Anteprima zu früh stattfände, ihre Weine noch nicht herzeigbar, ja jetzt gerade erst der vorhergehende Jahrgang in den Verkauf käme.

Nun ja, von den 66 in der Anteprima, waren ja auch mehr als zwei Drittel Fassproben. Das kann nicht wirklich das Argument sein, denn dann zeige ich halt statt 2011 - jetzt 2010 her. Wo bittschön ist das Problem. Na gut, man muss es sich leisten können – und man braucht den Platz im Keller um mehrere Jahrgänge zurückhalten zu können.

Naja, der gute alte Bepi Quintarelli – Gott hab’ ihn selig - hatte einen ziemlich kleinen Keller und brachte Amarone nach zehn oder mehr Jahren auf den Markt. Funktionierte auch. Bestens sogar.

Nicht nur Terroir entscheidet. Nein, hier auch die Trocknung.

Nicht nur Terroir entscheidet. Nein, hier auch die Trocknung.
Die Trockengestelle bei Quintarelli.


Drittens.
Ich empfehle unseren Artikel „Am Anfang war das Trocknen“. (Link rechts im Kasten). Denn abseits aller Streitereien, ist die Grundvoraussetzung aller grossen Amarone das Trocknen.

Vor vielen Jahren geschah das auf Schilfrohr-Gestellen, sehr langsam, nur mit den natürlichen Fallwinden, die durch die Trockenböden zogen. Nicht ganz einfach zu erklären – aber prinzipiell gesagt: Der kühle Wind fällt von den Bergen im Norden in Richtung zum Meer im Süden ab. Deswegen baute man Häuser und Schupfen mit „Löchern“, oft architektonisch hübsch gestalteten Ornamenten, damit der Wind durch die Trocknungsräume mit den aufgelegten Trauben pfeifen konnte.

Das klappte meist, aber nicht immer. Daher begann man, sich moderner Technik zu besinnen und stellte erst riesige Ventilatoren in die Trockenräume und klimatisierte diese später auch noch. Erfolgreich. Es gab nahezu keinen Schimmel mehr und die Trauben trockneten wesentlich rascher ein. Dass dabei dieser typische „Passito-Geschmack“, der früher in den leicht gepunktelten Beeren entstand, der diese typischen „Amaro“-Aromen, also diese ganz typische Würzigkeit, wie wir sie von Fernet, Averna und Amaro Montenegro bei Likören kennen und lieben, verschwand, fiel sehr lange niemandem auf.

Auch kein Wunder, denn diese konzentrierten, extrem fruchtbetonten Weine verkauften sich wie die warmen Semmeln. Dass es aber eigentlich nur mehr sauber konzentrierter Rotwein mit viel Extrakt-Süsse und hohem Alkohol war – und diese Raffinesse der langsam getrockneten Beeren verloren ging, checkte damals niemand. Ein – für viele unmerkbarer - neuer Stil war geboren.

Plastik statt Schilf. Klimatechnik statt Fallwind.

Plastik statt Schilf. Klimatechnik statt Fallwind.
Moderner Trockenraum. Plastik-Kisten. Klimatisiert. Perfekt.


Viertens.
Amarone war aber durch die aufwändige Produktion teuer. Aber das war nicht wirklich wichtig, weil es ein Nischenprodukt war.

In den 1980er und 1990er Jahren war Valpolicella ein Billigprodukt für Billig-Pizzerien – und niemand assoziierte Amarone mit Valpolicella, obwohl immer „Amarone di Valpolicella“ draufstand.

Fünftens.
Es passierte. Niemand wird es wirklich erklären können, aber plötzlich war Amarone „hip“. Warum auch immer. Zu ziemlich hohen Preisen konnten die Weingüter, die bis dahin am Existenz-Minimum herum lavierten – denn die im selben Gebiet produzierten Soave bis Bardolino, waren im selben Tiefstpreis-Segment unterwegs – plötzlich auch Mengen verkaufen. Und exportieren.

Die Folge waren Weingärten in Flachlagen, wo mir ein älterer Weinbauer schmunzelnd sagte, da würde er nicht einmal Kartoffel anbauen. Die Menge an Amarone ver-zig-fachte sich in wenigen Jahren.

Sechstens.
Valpolicella blieb von dem Boom unberührt. Amarone kostete 30,- Euro für die 0.75 l Flasche, Valpolicella ging in der 1,5 l Flasche gerade mal um 2-3,- Euro weg.

Valpolicella Superiore und wie immer das hiess, interessierte niemanden.
Bis der Ripasso kam.

Also eigentlich gab es den eh schon lang, aber interessierte halt auch niemanden wirklich. Aber er kostete quasi nix. Und im Vergleich zum Amarone war dann plötzlich der Unterschied minimal. Also konzentrierte man den Ripasso, machte ihn teurer und brachte das Wörtchen „Baby-Amarone“ ins Spiel. Rumms. Das konnte gar nicht schief gehen. Das war logischerweise DER Export-Verkaufs-Hit. Und – torpedierte den teuren Amarone genau so wenig, wie ein Zweitwein in Bordeaux. Erstaunlich, aber wahr.

Generationswechsel. Da wie dort.

Generationswechsel. Da wie dort.
So sieht guter Amarone aus. Leider können wir den Geruch noch nicht ins Netz stellen...


Siebentens.
Traurig aber wahr. Ich habe heuer miterlebt, wie jüngere Verkoster, die „echten“ - von mir aus altmodischen - Amarone gar nicht mehr kennen, in der Anteprima verkosteten und die modern gestylten Weine – im Prinzip duchaus richtig – hoch bewerteten. Da kann man denen auch keinen Vorwurf machen, denn von den modern gemachten Amarones, haben die ja auch die besten hoch bewertet. Die „echten“ old fashioned wines kenne die ja gar nicht.

Ebenso wenig, wie viele der jungen Produzenten - erstaunlicherweise. Also bewerten jetzt Verkoster, die Amarone gar nicht kennen, Weine von Produzenten, die Amarone draufschreiben, aber Amarone eigentlich auch gar nicht kennen. Absurd? Ja, vielleicht.

Achtens.
Ein Restaurant in Verona. Ich lerne zwei junge Typen kennen. Beide sind in Weingütern beschäftigt. Der eine ist Oenologe, der andere Sohn eines dominanten Weinbauern. Wir haben viel Spass.

Irgendwann frage ich, was denn für die beiden der beste Amarone sei. Und dann kostet mich das viel Geld. Denn beide haben noch nie einen Quintarelli (einer hatte den Namen noch nie gehört) oder einen Dal Forno getrunken.

Ich bestellte jeweils eine Flasche aus gutem Jahrgang. Und verstand die Welt nicht mehr. Denn bei uns kennt jeder junge Winzer die „Alten“. Setzen sich in Gruppen zusammen und verkosten Weine dieser „Top-Stars“ und überlegen, wie und warum die Weine so schmecken, wieso der FX und der Tement so bekannt geworden sind.

Hier kennen die jungen Burschen nicht einmal die Namen derer, in deren Fuss-Stapfen sie treten sollen. Absurd.

Neuntens.
Ripasso oder Amarone. Nur mehr eine Preisfrage?


Wenn die Welt nicht mehr weiss, wie ein Amarone schmecken soll, wird sie einen dichteren, konzentrierten Valpolicella Ripasso als Amarone etikettiert um 30,- akzeptieren. Wie viele Menschen werden aber den Unterschied erkennen zu dem Ripasso, der nur ein Drittel bis die Hälfte kostet? Werden sie ihn dann trotzdem kaufen - oder doch den billigeren nehmen? Und wir reden jetzt von zig Millionen Flaschen. Umsatz ist beim Wein zwar dienlich, aber manchmal auch der völlig falsche Weg.

Zehntens.
In Italien hört man immer wieder dasselbe. Dass es in Amerika, Russland oder Asien einen Markt gäbe, wo man Weine, die wie Mon Cherie im Pelzmantel schmecken, gut und teuer verkaufen könne. Das ging bisher überall schief, die vollen Keller in der Toscana und Süditalien, die dann im Tankwagen zu Dumping-Preisen verscherbelt wurden, sind Legende. Warum passiert das hier schon wieder? Ich versteh's nicht. Sorry.

PS. Liebe österreichischen und deutschen Winzer, die ihr herumspielt mit ein bisserl angetrockneten Rotwein-Trauben, weil das halt ein Haucherl mehr Konzentration und Dichte bringt - denkt doch mal nach, ob da irgendwer ein zweites Glasl trinken kann. Nur ein, zwei Punkterl mehr bei den Herren Kollegen kann doch den Aufwand nicht wert sein. Oder?
© by Helmut Knall
last modified: 2015-03-21 18:09:12

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